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Was ist Pietismus?

Unter Pietismus (pietas = Frömmigkeit) verstehen wir die größte Erneuerungsbewegung, die es in der evangelischen Kirche gegeben hat. Seine Wurzeln liegen im 17. und 18. Jahrhundert.

Sie sind vor allem mit Namen wie Philipp Jakob Spener, August Hermann Francke, Nikolaus Reichsgraf von Zinzendorf und Johann Albrecht Bengel verknüpft. Später flammte der Pietismus in der Erweckungsbewegung erneut auf. Heute treffen wir ihn in zahlreichen Kirchengemeinden an, in vielen Freikirchen und vor allem in der Gemeinschaftsbewegung. Was ist bis heute typisch pietistisch?

  1. Pietistisch ist es, wenn Glaube als persönliches Verhältnis zu Jesus Christus gelebt wird. Jesus ist Dreh- und Angelpunkt unseres Glaubens. Er liebt uns, und wir lieben ihn. „Er ist unser, wir sind sein“ (Zinzendorf).
  2. Pietistisch ist es, wenn auf vielfältige Weise zum Glauben an Jesus Christus eingeladen wird. Weil wir von Natur aus vor Gott verloren sind, bedürfen wir der Umkehr. Im Glauben ergreifen wir das angebotene Heil. Dabei ist nicht wichtig, wie einer zum Glauben kommt, sondern dass er glaubt und so mit Jesus verbunden ist.
  3. Pietistisch ist es, wenn ein Leben in der Heiligung geführt wird. Der Glaube an Jesus Christus soll alle Lebensbereiche prägen. Das tut nicht nur uns selbst gut, sondern auch den Menschen neben uns und der gesamten Gesellschaft.
  4. Pietistisch ist es, wenn Christen eigenständig und frei beten. Das bezieht sich nicht nur auf die persönliche Frömmigkeit, sondern auch auf das Gebetsleben der Gemeinde. Typisch sind Gebetsgemeinschaften.
  5. Pietistisch ist es, wenn so genannte Laien verantwortlich mitarbeiten. Jeder in der christlichen Gemeinde ist von Gott reichlich mit Gaben beschenkt worden. Diese sollen zum Segen für das Ganze eingebracht werden. Deshalb wird das „Priestertum aller Glaubenden“ praktiziert.
  6. Pietistisch ist es, wenn die kleine Gruppe in der Gemeinde gepflegt wird. Über den Gottesdienst hinaus brauchen wir eine Gruppe, in der wir geistlich zu Hause sein können, in der wir das Abc des Christseins einüben und in dem unsere Fragen Raum haben.
  7. Pietistisch ist es, wenn die Bibel hochgeschätzt und kräftig gebraucht wird. Pietismus ist Bibelbewegung. Dabei steht die Bibel als ein Gebrauchsbuch im Mittelpunkt. An ihr entzündet sich Glauben. ln ihr begegnet uns Jesus.
  8. Pietistisch ist es, wenn der Blick weit orientiert ist. Seit den Anfängen richtet sich der Blick auf die gesamte Welt: Wie kann die Frohe Botschaft bis in die letzten Winkel der Erde dringen? Missionare werden ausgesandt, Spenden zusammengelegt, Fürbitte praktiziert.
  9. Pietistisch ist es, wenn die Jesusbotschaft durch die Tat der Liebe unterstrichen wird. Liebe ist Frucht und Ausdrucksform des Glaubens. Deshalb gehört sie von der spontanen Hilfsbereitschaft bis hin zur organisierten Diakonie zu den zentralen Lebensäußerungen des Pietismus.
  10. Pietistisch ist es, wenn Konfessionsgrenzen an trennender Bedeutung verlieren. In allen Kirchen gibt es Menschen, die Jesus Christus als ihren Herrn und Heiland bekennen. Ihnen sind wir verbunden, auch wenn wir kirchlich und theologisch auf manchen Feldern unterschiedliche Positionen beziehen.

Quelle: Dr. Christoph Morgner, Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, der Gemeinschaftsbewegung in Deutschland, Österreich und den Niederlanden.

Veröffentlichung auf www.lkg-schwabach.de mit ausdrücklicher Genehmigung von Herrn Dr. Morgner.